Schauspielschule Siegburg bringt „Lysistrata“ auf die Bühne
Kein Sex, bis Frieden herrscht: Mit dieser Idee wollen Frauen in „Lysistrata“ den Krieg beenden. Die Studiobühne Siegburg inszeniert die antike Komödie in moderner Fassung – und zeigt auf, wie aktuell das Thema immer noch ist.
Siegburg. Ein junges Mädchen erscheint aus der Dunkelheit, als Projektion auf der weißen Bluse einer Frau auf der Bühne. „Was ist Krieg“, fragt eine Stimme aus dem Off, doch das Mädchen weiß keine Antwort. Die Szene markiert den Anfang und auch das Ende der hundert Minuten währenden Inszenierung von „Lysistrata“ auf der Studiobühne Siegburg. Dazwischen geht es um die Idee einer Frau – Lysistrata –, die glaubt, eine einfache Lösung für ein schnelles Kriegsende zu haben: „Kein Sex mehr für Männer, bevor nicht Frieden herrscht.“
Das Ensemble der Studiobühne Siegburg bringt die antike Komödie des griechischen Dichters Aristophanes auf die Bühne – 2437 Jahre nach dessen Uraufführung. Für Regisseur und Theaterleiter René Böttcher stammt das Stück aus einer „kulturellen Urzeit“, vor Christentum und Mittelalter. Damals sei nicht nur das generelle Gedankengut anders gewesen, sondern auch die Aufführungspraxis von Theaterstücken. Die Bühne war allein Männern vorbehalten, was dazu führte, dass auch die weiblichen Charaktere von Männern dargestellt wurden. Dass die Gedanken von damals aber auch heute immer noch aktuell sind, insbesondere verbunden mit moderner Aufführungspraxis, will die Studiobühne mit ihrer ersten Premiere der neuen Spielzeit zeigen.
Lysistrata (in Siegburg überzeugend gespielt von Zoe Johanna Coupette) vereint die Frauen aus Athen und Sparta, um den Krieg der beiden Stadtstaaten zu beenden. Sie alle bangen um ihre Ehemänner oder Söhne – und um sie zu retten, sind sie zu radikalen Maßnahmen bereit. Die Frauen schwören, ihren Ehemännern den Geschlechtsverkehr zu verweigern, bis Frieden herrscht. Und sie nehmen die Akropolis ein, in der der Staatsschatz aufbewahrt wird. So wollen sie nicht nur den Willen der Männer brechen, sondern auch die Kriegsfinanzierung stoppen.
Böttcher sieht in den Handlungen von Lysistrata und ihren Anhängern Parallelen zu den heutigen Klimaklebern. Beide sehen ein Problem in der Gesellschaft, das sie lösen wollen – mit extremen Mitteln. In seiner Inszenierung konzentriert er sich auf die Frage, wie ein Wandel in einer Gesellschaft vollzogen werden kann, in der Krieg der Normalzustand ist. Viele moderne Aufführungen von „Lysistrata“ fokussieren sich besonders auf den emanzipatorischen Gedanken – Frauen beenden den Krieg, indem sie über ihre eigenen Körper bestimmen.
„In der Antike ist das Stück eher eine Komödie gewesen, da sich über die Frauen lustig gemacht wurde“, sagt Böttcher. Die ausschließlich männlichen Schauspieler stellten sie vermutlich nicht als starke Frauen dar. Für den Regisseur ist es offensichtlich, dass das Stück aus heutiger Sicht aber nicht allein komisch, sondern emanzipatorisch ist. Das hat er auch in seiner Inszenierung herausgearbeitet, deren Hauptfokus aber dennoch die gesellschaftliche Veränderung bleibt.
Die Studiobühne nimmt zwar die klassische „Lysistrata“-Übersetzung von Erich Fried aus den 1980er-Jahren als Grundlage, modernisiert aber dennoch einige Aspekte. Mehrere musikalische Einlagen unterstreichen das Geschehen, wie etwa Bonnie Tylers „I Need a Hero“ am Ende der Aufführung. Auch die Kostüme der Darstellerinnen passen nicht ganz in die Zeit der eigentlichen Handlung. Ein Hausfrauenkleid im Stil der 1950er-Jahre, eine Lederweste, eine knallrote Jogginghose und weitere Kostüme stellen die Diversität der Frauen dar.Ganz besonders ist auch das Bühnenbild: Nicht nur bunte Scheinwerfer, sondern auch „250 Meter Malerfolie“ und zwei riesige Phallus-Attrappen sorgen für ein einzigartiges Erlebnis. Die beschäftigten auch das Publikum der Generalprobe, darunter Schauspielschüler, die gerade erst ihre Ausbildung in Siegburg begonnen haben: „Wer hat die Penisse gemacht“, war die erste Frage nach dem Schlussakt. Dann schlossen sich aber schnell alle ihrer Mitschülerin Kerstin Lenna an: „Am Ende fand ich‘s voll bewegend.
von Zoe Schmitz