Ein Appell für die Freiheit
Überwachung, Fake News, Geschichtsfälschung: Was George Orwell 1949 schrieb, wirkt heute beklemmend real. In Siegburg bringen Absolventen der Schauspielschule den Stoff auf die Bühne
Siegburg. „1984 – George Orwell“, im Original „Nineteen Eighty-Four“, ist ein dystopischer Roman von George Orwell, der diesen zwischen 1946 und 1948 schrieb und im Juni 1949 in England veröffentlichte. Aufgrund seiner Aktualität bringen Absolventen der Schauspielschule Siegburg unter der Leitung von Regisseur Volker Maria Engel den Roman jetzt zum Abschluss ihrer Ausbildung als beeindruckendes Theaterstück auf die Studiobühne.
Darum geht es: Protagonist Winston Smith ist einfaches Mitglied der diktatorischen Staatspartei. Er arbeitet im Wahrheitsministerium und seine Arbeit ist es, Geschichte umzuschreiben, eigentlich aber, um sie zu fälschen. Die permanente Überwachung der Bürger durch Spione, Überwachungskameras und sogenannte Televisoren, die nicht nur rund um die Uhr Propagandafilme und staatsgelenkte Nachrichten senden, sondern auch alle Menschen abhören und beobachten, gehören zum Alltag. Intimsphäre oder Rückzugsräume gibt es nicht. Smith lehnt sich immer mehr gegen das System auf, möchte Privatsphäre sichern und etwas über die Vergangenheit erfahren, die von der Partei durch Geschichtsfälschung verheimlicht werden soll. Als er Julia kennen und lieben lernt, erfährt er, wie das Leben eigentlich sein sollte. Er gerät immer mehr ins Visier des Systems, wird schließlich festgenommen, gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen.
Laut Dramaturgin Sandra Van Slooten entpuppt sich der Stoff als „erschreckend aktuell“. Ein direktes Beispiel sei die Aussage der Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway. Sie habe den Begriff „Alternative Fakten“ geprägt, eine Phrase, die für Orwells „Doppeldenk“ charakteristisch sei. Weitere Beispiele nennt der Regisseur. Er weist darauf hin, dass Trump überprüfen lässt, wie die US-Museen die amerikanische Geschichte darstellen und der Präsident sie „anpassen“ will. Oder dass er Verbote erlassen hat, bestimmte Worte und Begriffe weiter zu verwenden. Dies ähnelt Orwells „Neusprech“, bei dem der fiktive Staat eine neue, radikal gekürzte Form der Sprache entwickelt, um letztendlich das eigene Denken der Menschen auszuschalten.
„Wir wollen mit der Inszenierung erfahrbar machen, wie es ist, unter einem solchen Systemdruck zu leben“, sagt Engel. Aufgrund der Aktualität hat sich das Ensemble nach seinen Worten überlegt, wie ein Plakat des „Großen Bruders“, des Führers, für die Inszenierung aussehen könnte und sich dann für Trump entschieden. Denn der spreche ebenfalls von Fake News und alternativen Fakten, versuche Geschichtsfälschung, die Kontrolle der Medien zu erlangen und unliebsame Kritiker mundtot zu machen. Ein mit KI kreiertes Bild von Trump in der Fantasieuniform eines Autokraten erscheint dann auch immer wieder einmal auf der Rückwand der Bühne.
Orwells Modell eines totalitären Staates basiert unter anderem auf der Sowjetunion in der Stalin-Ära und dem Hitler-Regime im Dritten Reich. Die Handlung spielt nicht nur auf der Bühne, sondern als ergänzendes Element werden auch kurze schwarz-weiße Videosequenzen auf die Rückwand der Bühne projiziert, die den Einsatz der Televisoren für den Zuschauer greifbar und ihn gleichzeitig selbst zum Beobachter machen. Ein überzeugendes Ensemble in einem packenden Stück, bei dem Parallelen zur heutigen Zeit erkennbar sind und das als Warnung und zugleich Aufforderung an den Zuschauer verstanden werden kann, für die Freiheit zu kämpfen.
von Paul Kieras