Vom Kindheitstraum zur Schauspielschule
Kerstin Kleemann aus Kleve hat zwei Ausbildungen hinter sich. Doch glücklich wurde sie erst, als sie ihrem Kindheitstraum folgte. Ab September lernt sie an der Schauspielschule Siegburg ihr Handwerk. Was sie dafür mitbringen muss.
SIEGBURG. Die Erleichterung ist Kerstin Kleemann anzusehen. Nach drei Probetagen hat die junge Frau aus Kleve erfahren, dass die Schauspielschule Siegburg sie für eine Ausbildung annimmt. Am 1. September beginnt ihr Weg zur Schauspielerin. In den kommenden vier Jahren warten noch einige Herausforderungen auf sie, den ersten Schritt hat sie bereits bei den Probewochen und Workshops gemacht, die an der Schauspielschule des Theaterschatzes das klassische Vorsprechen ersetzen.
Die 28-Jährige wollte schon als Kind Schauspielerin werden. Ihr Berufsweg führte sie dann aber erst mal in eine andere Richtung. Kerstin Kleemann machte zunächst eine Ausbildung zur Maßschneiderin. Ein Bürojob sei für sie nie infrage gekommen, sagt sie, sie sei eher praktisch veranlagt. Auf die Ausbildung folgte eine „Findungsphase“. Die junge Frau probierte verschiedene Berufe aus.
Das führte sie zum ersten Mal auch an ein Theater: Am Essener Grillo-Theater machte Kerstin Kleemann ein Praktikum im Bereich Kostüm- und Maskenbildnerei, im Anschluss daran eine Ausbildung zur Friseurin. Zweieinhalb Jahre arbeitete sie schließlich in diesem Beruf. Aber auch das war für sie keine Option auf Dauer: „Ich kam immer wieder auf meinen Kindheitswunsch zurück, die Schauspielerei.“
Schon als kleines Mädchen gehörte sie der Theater AG in ihrer Schule an, spielte in verschiedenen Stücken. Für Kleemann ist der neu angestrebte Beruf auch eine Art Therapie, um sich selbst zu erkennen, zu finden und zu verwirklichen. „Wenn ich auf der Bühne stehe, fühl ich mich einfach wohl“, sagt sie. „Und ich gebe zu, ich stehe gerne im Mittelpunkt.“ Sie habe aber immer gehadert, ob sich eine professionelle Ausbildung lohnt. Mittlerweile denkt sie zwar, sie hätte es schon vor zehn Jahren versuchen sollen. Ihre Lebenserfahrung ist nun allerdings ein Vorteil für die 28-Jährige. „Wenn nicht jetzt, wann dann, sonst werde ich es irgendwann bereuen“, sagt Kleemann.
Dass Lebenserfahrung ein Vorteil ist, bestätigt Schulleiterin und Dozentin Maike Mielewski. Die älteren Bewerber hätten schon eine Berufsausbildung und irgendwann gemerkt, dass sie der Job nicht glücklich mache und sie eigentlich schon immer künstlerisch tätig sein wollten. Daher nimmt die Schule vermehrt solche Bewerber auf.
Mielewski sagt, Kleemann sei noch sehr rational, wolle vieles erklären. Ihr Rat: „Wenn eine Aufgabe gestellt wird, erst einmal machen und nicht rational bewerten. Das heißt, Klappe halten, wenn man kritisiert wird. Diskutieren kann man später.“ Auch das sei ein Lernprozess. Für alle Anfänger gelte: „Essenziell für diesen Beruf ist, zu wissen, wer du bist, also authentisch zu sein. Du musst die Maske fallen lassen.“ Egal auf wen man treffe, man habe immer eine entsprechende Maske auf und spiele den, den man in dem Moment brauche. Diese Maske müssten Schauspielschüler erst einmal ablegen und das sei ihre größte Herausforderung. Kleemann ist bereit, die anzunehmen und betrachtet die Ausbildung auch als Reise zu sich selbst.
Anders als an anderen Schauspielschulen entscheidet in Siegburg kein klassisches Vorsprechen darüber, ob die Interessenten einen Platz bekommen oder nicht. Probewochen und Workshops seien effizienter, begründet das Mielewski. „So können wir die Menschen intensiver kennenlernen.“ Der Schule gehe es darum, zu sehen, ob man mit dem Menschen arbeiten könne. „Ist er offen, ist er diszipliniert, ist er konstruktiv, zeigt er absoluten Willen und kann er auch Kritik annehmen“, beschreibt sie die Kriterien. Das könne man bei einem einstudierten Vortrag nicht erkennen. Die mehrtägigen Veranstaltungen seien eher ein Training und vor allem ungezwungen und ohne Druck. Die Bewerber haben mehr Zeit und können sich fallen lassen. Außerdem seien sie mit den anderen Schülern zusammen und öffneten sich in der Gruppe schneller, hat die Schulleiterin festgestellt.
„Viele kommen sehr schüchtern und zurückhaltend an, obwohl sie ja einen präsenten Beruf anstreben“, berichtet Mielewski. Die meisten wüssten gar nicht, was Schauspielerei überhaupt bedeutet. „Sie kommen mit null Ahnung und Vorbildung, haben sich nie künstlerisch betätigt.“ Aber auch vielen anderen Menschen sei nicht bewusst, dass Schauspielerei ein Handwerk und Ausbildungsberuf ist. „Früher waren die Bewerber noch Künstler, der Beruf war für sie Berufung und kein Job.“ Heute wollten viele einfach nur berühmt werden, beklagt die Pädagogin. Das ist nicht nur ein Eindruck, die Bewerbungen, die sie erhält, bestätigen das. Berühmt werden zu wollen, sei darin der am häufigsten genannte Grund. So fragte eine junge Frau gerade erst nach, ob die Schauspielschule sie zu Netflix bringen könne. Gerade junge Leute wählten den Beruf des Schauspielers oft nur deshalb, weil sie sich erst einmal umschauen und dann erst für die Schauspielerei entscheiden, wenn sie nichts anderes Seite von 1 2 Vom Kindheitstraum zur Bühne finden.
Spätestens nach einem halben Jahr weiß das Dozententeam, ob die Schauspielerei das Richtige für den Bewerber ist. Wer keine Kritik und kein Feedback aushält, ist beispielsweise bei der Schauspielerei falsch. Ebenso sollten sie auch körperlich fit sein. „Viele sind nach einer halben Stunde im Ballettsaal schon platt“, berichtet Mielewski. Und auch psychisch seien viele labil, hätten sich nicht unter Kontrolle. Das bedeutet, sie verlieren sich in der Figur, die sie spielen, und kommen aus der Rolle nicht mehr heraus. Und auch, wenn Schülerinnen und Schüler an körperliche Grenzen gehen müssen, brauchen sie eine stabile Psyche: „Wer im Geist stark ist, geht darüber hinweg, der weniger Starke leidet mehr und gibt schneller auf.“
von Paul Kieras