Robin Hood auf dem Michaelsberg
Die Studiobühne erobert wieder die Freilichtbühne im Johannisgarten. Mit Robin Hood inszeniert das Ensemble einen Klassiker mit aktueller Botschaft
Siegburg. Ein paar Birkenstämme, ein aus Tarnnetzen kreierter Berg und ein wenig Fantasie – mehr braucht es nicht, um den Johannisgarten auf dem Michaelsberg in den Sherwood Forest zu verwandeln. Die Welt drumherum gerät ohnehin in Vergessenheit, sobald Robin Hood und seine Freunde die Szenerie betreten. Wer der Held der Geschichte ist, ist von Anfang an klar, und doch vermag dessen Kampf für die Gerechtigkeit bis zur letzten Minute zu fesseln. Dafür sorgen die Schauspielschüler der Studiobühne, die mit ihrer Inszenierung von Robin Hood in ihre dritte Freilichtsaison auf dem Michaelsberg geht.
Hoch über den Dächern Siegburgs unter freiem Himmel zu spielen, bezeichnet Regisseurin Maike Mielewski als besondere Herausforderung. Alles sei unvorhersehbar, das Wetter immer anders, und der Stimme werde sehr viel abverlangt. „Das meistern sie“, sagt sie mit Blick auf die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die ihre vierjährige Schauspielausbildung an der Schauspielschule Siegburg begonnen haben und mit denen sie in den vergangenen fünf Wochen bei jedem Wetter auf dem Michaelsberg geprobt hat.Insgesamt 40 Mal zeigen sie das von John von Düffel für das Theater aufbereitete Stück bis Mitte Juli in der historischen Kulisse. Zielgruppe ist die ganze Familie.
„Die Botschaft des Stücks ist sehr aktuell“, erklärt Mielewski, warum sie Robin Hood auf „Dornröschen“ und „Peter Pan“, die die Studiobühne in den vergangenen zwei Jahren auf den Michaelsberg gebracht hat, folgen lässt. „Wir brauchen wieder Helden in unserer Gesellschaft“, findet sie. Menschen, die wie Robin den Mund aufmachen, allen Widrigkeiten trotzen und für eine gerechte Welt einstehen. Natürlich gehe es in der Inszenierung auch um Machtmissbrauch und Verblendung. Vor allem aber wollen sie und die Akteure ihren Zuschauern Mut zusprechen. „Sie sollen sich trauen, ihre Stimme zu erheben, sich für ihre Freunde einzusetzen und für das Gute zu kämpfen.“
Worte braucht es nicht, um zu zeigen, dass Robin Hood (gespielt von Felix Bitter) auf der Seite des Guten steht. Seine Taten sprechen für ihn: Wie er seinem überaus ängstlichen Freund Mitch (Sven Wyss) die Angst vor dem dunklen Wald und den Wachen des Sheriffs von Nottingham nimmt. Oder wie er in Bruder Tuck (Gabriel William Krüger) und Little John (Julia Theresa Platzer) Verbündete für seinen Kampf gegen die Ungerechtigkeit findet. Und natürlich auch darin, wie er dem selbstverliebten, erbarmungslosen hoch auf der Mauer zum Johannistürmchen neue Schikanen ersinnenden Sheriff (Nick Schulmeister) die Stirn bietet.
Mit seinem Spiel, zu dem auch Musik, Gesang und Kampfszenen gehören, bringt das Ensemble eine mitreißende Leichtigkeit in das durchaus ernste Thema. Armut und Hunger bestimmen das Leben im ganzen Land, trotzdem findet sich immer wieder Raum für ein befreiendes Lachen. Etwa, wenn Prinzessin Marian (Gwendolin-Pamina Jüdt) die Ohren ihrer regenbogenfarbenen Einhornmütze wackeln lässt. Interaktionen mit dem Publikum tragen ebenso dazu bei. Zum Beispiel, wenn der Sheriff eine neue „Auf-den-Steinen-Sitz-Steuer“ einführt und sie von allen einfordert, die bei „Drei“ noch auf den Steinstufen der Tribüne sitzen.
Nicht alles ist während der 60 Minuten langen Inszenierung so, wie es in der Originalgeschichte geschrieben steht. Dass Little John auf dem Michaelsberg eine Little Johanna ist, stört den Kern der Geschichte indes nicht: „Gerecht sein ist schwer, sonst wäre die ganze Welt gerecht“, formuliert es Robin im Stück. Dabei ist die Lösung für ihn eigentlich ganz einfach: „Wir nehmen den Reichen und geben den Armen.“
Dass während der Hauptprobe zwei Polizistinnen im Johannisgarten erschienen, hatte im Übrigen nichts mit den von Robin und seinen Freunden verübten Überfällen zu tun. Wohl aber mit dem realistischen Spiel des Studiobühnen-Ensembles, wie Claudia Böttcher, Geschäftsführerin der Theaterschatz gGmbH, die Studiobühne, Schauspielschule und Theater Tollhaus unter ihrem Dach vereint, nachher verriet. „Jemand hatte der Polizei einen weiß gekleideten Mann gemeldet, der auf der Mauer des Johannistürmchens stand“, sagt sie. Seine Sorge, dass dieser fallen oder springen könnte, war aber unbegründet. Der weiß gekleidete Mann war der Sheriff von Nottingham. Und der wird in den nächsten Wochen noch häufiger an dieser Stelle – im Stück der Nottingham Palast – stehen, aber gewiss nicht springen.
von Nadine Quadt