Die Grenzen der Freiheit
Studiobühne präsentiert mitreißende Inszenierung des Sartre-Stücks „Die Fliegen“
Siegburg. Düster, bedrohlich und doch anziehend wirkt die Statue im Herzen der Stadt Argos, dunkle Gestalten drängen sich in einem unheimlichen Tanz um das Denkmal. Alle wissen, dass Herrscher Ägist vor 15 Jahren Agamemnon ermordet hat, als dieser aus dem Trojanischen Krieg zurückkehrte. Alle leben in Angst vor dem neuen Tyrann und doch auch in Reue. Eine Fliegenplage sucht die Stadt heim, vor der sich die Bewohner mit Masken schützen, die sie nur zum Sprechen abnehmen. Die Anspielung des Ensembles der Studiobühne auf die Corona-Pandemie ist unübersehbar.
Trotz und Witz
Das Brummen der lästigen Insekten wird laut aus den Lautsprechern der Aula des Gynasiums Alleestraße dröhnen, wenn am Samstag eine packende Inszenierung von Jean-Paul Sartres „Die Fliegen“ Premiere hat.
In seinem Drama von 1943 behandelte der Philosoph eines seiner Kernthemen: die Freiheit und die Frage, wie man um sie kämpfen muss und darf. Unter der Regie von Markus Menhofer bringt das Ensemble Verzweiflung, Unterdrückung aber auch Trotz, Witz und Mut auf die Bühne. Sartre schrieb das Stück vor dem Hintergrund von Aischylos‘ Orestie aber auch des Vichy-Regimes und der Résistance.
Als ein Fremder in die Stadt kommt, sind die Tage des Tyrannen gezählt. Elektra, die Tochter Agamemnons, erkennt in ihm den Retter, auf den sie lange wartete: ihren Bruder Orest (gespielt von Michael Schneider), der als Kleinkind aus der Stadt gebracht wurde. Mit einer hellen Caprihose und einem bunten Hawaiihemd sticht er aus der Tristesse der schwarz gewandeten Bürger hervor, und er tickt auch anders. Zum Schluss hat er den Tyrannen und seine eigene Mutter Klytemnästra (Judith Okon)mit dem Schwert ermordet und die Stadt von der Fliegenplage befreit.
Frei im Sinne des existenzialistischen Philosophen Sartre redet er am Ende gar auf Augenhöhe mit Gott Jupiter, der trickreich die Menschen in ihre finsteren Schicksale verstrickt. Diego Correira spielt ihn als smarten, eleganten und verschlagenen Göttervater. Aber sogar Ägist (Daniel Lekomzew) zweifelt in seinen letzten Stunden auf dem Thron, ob Jupiter mit ihm den richtigen Herrscher ausgewählt hatte.
Theresa Blöthner, die sich im letzten Jahr ihrer Schauspielausbildung befindet, bringt als Elektra den Zwiespalt zwischen Frei- und Unfreiheit mit ungeheurer Präsenz auf die Bühne. Sie hadert mit ihrem Leben, schimpft auf Mutter Klytemnästra und tanzt unstatthaft bei einem Trauerfest in der Stadt. So sehr sie den Tod des Königs herbeigesehnt hat, so sehr verzweifelt ist sie angesichts der Leere nach dem Doppelmord. Entsetzt sieht sie, wie die Tat Orest verändert hat. Er verlässt schließlich die Stadt, frei wie er ist und ohne die Schwester Elektra. Doch die Fliegen und die Erinnyen – Rachegöttinnen, die jeden Mörder heimsuchen – folgen ihm.
„Sartre ist da radikal“, schreibt Regisseur Menhofer im Programm für seine Inszenierung. „Die Existenz des Menschen macht bei ihm nur Sinn, wenn er so handelt, wie er es für richtig hält. Das fasziniert mich und ärgert mich gleichermaßen, weil es mir richtig und lebenswert erscheint, andererseits aber in dieser Radikalität gar nicht möglich ist.“ Er wolle sich nicht von Staat, Kirche oder Familie oder sonst wem erklären lassen, wie er leben solle. „Aber ich muss mich immer wieder neu arrangieren. In diesem Arrangement, in dieser Balance liegt das, was wir Leben nennen.“
von Andreas Helfer