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Unser Theater

Textil-Trilogie

General-Anzeiger Bonn vom 13. Oktober 2018

Studiobühne feiert Premiere mitten in der Stadt

SIEGBURG. Einen besseren Ort für die Aufführung hätte die Studiobühne kaum finden können. Mitten in der Siegburger Fußgängerzone, am Eingang der Holzgasse, feiert es mit dem Stück „Textil-Trilogie“ in der Innenstadt Premiere.

Für Liesl, Hanni und Kathi gleicht fast jeder Tag dem anderen. Nur Weihnachten ist anders, denn an diesem Tag ist die Fabrik mit bunten Lichtern geschmückt, und die Mädchen und Frauen müssen nur fünf Stunden lang nähen – schließlich will die Nachfrage der ersten Welt, der reichen Länder Asiens und Afrika, nach neuen, günstigen T-Shirts und Kleidern befriedigt werden.

Heute erwartet die drei Mädchen und die übrigen Arbeiterinnen in der Textilfabrik eine Besonderheit: Eine Delegation von Nicht-Regierungsorganisationen hat ihren Besuch angekündigt, um sich ein Bild über die Produktionsbedingungen in Siegburg zu machen. Es ist ein düsterer Zukunftsentwurf, den Regisseur Rene Böttcher mit dem Ensemble der Studiobühne präsentiert und zugleich ein trauriger Spiegel der Gegenwart. Am Freitag feierte die Inszenierung des Stückes „Textil-Trilogie“ von Volker Schmidt in der Kreisstadt Premiere.

„Es ist eigentlich ein Stück, das aus drei Stücken besteht“, erklärt Böttcher. Zum zweiten Mal überhaupt im deutschsprachigen Raum seien die drei Teile „Man muss dankbar sein“, „Ihr könnt froh sein“ und „Wir sind glücklich“, in einer Inszenierung zu sehen.

Das Szenario: Die Globalisierung ist einmal um die Erde gegangen und hat die bestehenden Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Der Wohlstand ist weitergewandert, in Europa zurückgeblieben ist allgemeine Perspektivlosigkeit.

Auch die drei Näherinnen Liesl, Hanni und Kathi, in der Premierenbesetzung gespielt von Naomi Edelmann, Marie Illies und Ella Anschein, träumen von der Flucht und brechen schließlich auf in eine Industrienation, um ein besseres Leben zu finden.

Einen besseren Ort für die Aufführung hätte die Studiobühne kaum finden können. Mitten in der Siegburger Fußgängerzone, am Eingang der Holzgasse, ließ das Theater zahlreiche Menschen auf dem Einkaufbummel stutzen und stoppen. Über Funkkopfhörer, die auf den Sitzplätzen vor der „Bühne“ ausgelegt waren, lauschten sie dem Spiel der Darstellerinnen. Die kluge Inszenierung verfehlte ihre Wirkung nicht: Mit dem Dreh am Lautstärkeregler konnte der Zuschauer der in den Einkaufstraßen stets ausgeblendeten Parallelwelt, der traurigen Kehrseite des Konsums, nicht entrinnen. „Wir arbeiten mit Kopfhörern damit nachher niemand, der neugierig reingehört hat, sagen kann, er habe nichts davon gewusst“, so Böttcher.

von Marcel Dörsing