Schauspielschule
Siegburg
Elektra/ Hugo von Hofmannsthal
Akt1/Szene 3
Elektra 
Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte. Wo bist du, Vater?
Hast du nicht die Kraft, dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen? Es ist die Stunde, unsre Stunde
ist´s! Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben, dein Weib und der mit ihr in einem Bette, in
deinem königlichen Bette schläft.
Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut rann über deine Augen, und das Bad dampfte von deinem
Blut, dann nahm er dich, der Feige, bei den Schultern, zerrte dich hinaus aus dem Gemach, den Kopf
voraus, die Beine schleifend hinterher: dein Auge, das starre, offne, sah herein ins Haus.
So kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß und stehst auf einmal da, die beiden Augen weit offen,
und ein königlicher Reif von Purpur ist um deine Stirn, der speißt sich aus deines Hauptes offner
Wunde. Vater! Ich will dich sehn, laß mich heut nicht allein! Nur so wie gestern, wie ein Schatten,
dort im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind! Vater! Dein Tag wird kommen! So wie aus
umgeworfnen Krügen wird das Blut aus den gebundnen Mördern fließen, rings wie Marmorkrüge
werden nackte Leiber von allen ihren Helfern sein, und in einem Schwall, in einem geschwollnen
Bach wird ihres Lebens Leben aus Ihnen stürzen – und wir schlachten dir die Rosse, die im Hause
sind, wir treiben sie vor dem Grab zusammen, und wir schlachten dir die Hunde, weil sie der Wurf
sind und der Wurf des Wurfes von denen, die mit dir gejagt, von denen, die dir die Füße leckten,
denen du die Bissen hinwarfst, darum muß ihr Blut hinab, dein Sohn und deine Töchter, wir drei,
wenn alles dies vollbracht und Purpurgezelte aufgerichtet sind, vom Dunst des Blutes, den die Sonne
an sich zieht, dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab: und über Leichen hin werd ich das
Knie hochheben Schritt für Schritt, und die mich werden so tanzen sehn, die werden sagen: einem
großen König wird hier ein großes Prunkfest angestellt von seinem Fleisch und Blut, und glücklich
ist, wer Kinder hat, die um sein hohes Grab so königliche Siegestänze tanzen!
Klassenfeind / Nigel Williams
Koloss
Sie kommen aus der Türkei, hauptsächlich. Illegal. Zwölf Mann in einer Karre. Mit ´nem Billigflug,
mit der Bahn. Manche kleben unter´m Waggon oder krallen sich an die Tragflächen vom Flieger, was
weiß ich, rollen sich in ´nen Teppich ein und kommen mit der Post. Volles Rohr: Spaghetti-Fresser,
Jugos, Bimbos, Kanaker, Kameltreiber. Hottentotten, Knoblauchfresser, steigen von ihren Bäumen
runter, machen sie auf unsere Kosten ´nen tollen Lenz; und wenn sie unsere Entwicklungshilfe
aufgefressen haben, kommen sie her. Tierische Dunkelziffer. Merkste bloß am Gestank und an der
Scheiße, daß sie immer mehr werden. Und sind sie erst mal da, latschen sie zum Ausländeramt. Da
hocken ihre Kanaker-Freunde, die besorgen ihnen alle Papiere, haben sie alles infiltriert. und dann
ran an die Schwarzarbeit. und haben sie erst mal eine Bude in der Straße, kommt gleich die ganze
Bande nach. Nächsten Morgen kommen schon die Kinder. Verstehste, die Ausländer vermehren sich
nämlich nicht wie normale Menschen, nee, die Kinder flutschen denen nur so raus, wie die Würste,
eins am andern, und quieken wie die Ferkel. Echt. Dann kassieren sie massenhaft Kindergeld. In ein
paar Tage sind die Kinder groß, wachsen wie die Monster und sobald sie laufen können, gleich ran
und Leute überfallen. Überfälle is wie Ficken für die, bloß noch geiler. Immer auf die Omas, im
Dunkeln, anschließend kannste die Omas natürlich vergessen. Is ja klar, logo. Dann gehen sie alle
raus, suchen sich ein deutsches Mädchen und das wird vergewaltigt, um die neue Wohnung
einzuweihen. Muß ´ne Jungfrau sein, sonst gilt das nicht. Die ganzen Deutschen ziehen natürlich
weg, totale Überfremdung is angesagt. Erzähl mir bloß nicht, daß das nicht genau so läuft, mit den
Ausländern. Weil, wenn du mich fragst, läuft das genau so mit den Ausländern. Sag mir bloß nich,
daß das kein Sinn hat.
Klassenfeind / Nigel Williams
Kebap
Okay, Fenster. Mit den Fensterscheiben hatte ich angefangen, da bin ich noch auf die Schule drüben
an der U-Bahn gegangen. Sagt so´n Arsch zu mir in der Klasse: „Was willst du denn hier, Kanake?“
Sagte der, einfach so. Hatte mich vorher nie wer so genannt: Kanake. Hatte ich vorher nie gehört,
verstehste, was ich meine? Gehe also nach Hause und frage meine Mutter. Ich sag: „Ane, was soll
denn das heißen, Kanake?“ Die lacht bloß. Aber mein Vater is ausgeflippt. Uns sie haben krach
gekriegt und dann haben sie immer so hin und her geredet. Erst er, dann sie. Immer lauter. Alles
mögliche. Zum Schluß haben sie sich selber Kanake genannt und noch nen Haufen andere Sachen.
Komisch, ich mochte das nich. Ich mochte das Scheiß Wort nich: Kanake. Mocht ich einfach nich.
Konnt ich auch nich vergessen. Na ja. Als ich am nächsten tag zur Schule gehe, komm ich an so´m
Geschäft in der Schlesischen vorbei: Küchenstudio. Durchlauferhitzer, Elektro-Herde, Toaster und
alles. Alles blitzsauber und glänzend, und in der Mitte steht so´n kleines Mädchen, ausgeschnitten,
so´ne Reklamepuppe aus Pappe, mit ner Zahnlücke hier und grinst wie am Fernsehen. Ich bleib stehn
und gucke das Mädchen an, und aus irgendeinem Grund mochte ich die nich. Ich mein, is doch so:
ich häng da am Schlesischen Tor und um mich rum sind überall Türken, Knoblauchfresser in den
Hauseinfahrten, Türkenweiber gehen raus und rein in die Waschsalons, Türkenschnauzer wie mein
Alter in gebrauchten Fords, diese dicken, hundert Jahre alt. Und vor mir im Schaufenster steht dieses
Mädchen aus Pappe, diese blonde Deutsche, und grinst. Ich mein, die is blond und sauber, da kannste
nur das Kotzen kriegen. Also gut, hab ich mir gedacht, leck mich süße. Das war nämlich so, daß die
was zu mir gesagt hat, verstehste? Ehrlich. Die sagte „Kanake“ zu mir. Wie der Junge aus meiner
Klasse. Da waren noch so andere Deutesche auf so´nem Großfoto hinter ihr, die grinsen auch und
sagen „Kanake“ und alles. „gehört alles uns. Die Durchlauferhitzer, Elektroherde, Toaster. Wir haben
alles, was wir wollen. Also, verpiß dich, kleiner Kümmeltürke“. Also, da hab ich nen Stein
genommen und geschmissen. War nich groß genug. Hab ich nen anderen geschmissen. War auch
nichts. Da hab ich meine Schultasche voll Steine und Zeug und mit was da so rum lag vollgepackt.
Und wie die Straße leer war, hab ich mich gedreht, ordentlich Schwung genommen und gedreht und
gedreht, und dann rein damit. Broooch! Mann! Wenn ihr das Glas gesehn hättet, das hättet ihr sehn
sollen!
Top Dogs / Urs Widmer
Krause
Ich hätte das nie gedacht, nie hätte ich das für möglich gehalten, eine Entlassung, was ist das denn
schon? Du bist entlassen, na schön, da bist du eben entlassen, Hunderttausende sind entlassen, das ist
ja keine Schande. Du stehst auf der Straße, auf der stehen Millionen. Da fällst du weiter nicht auf.
Dafür ist sie da, die Straße, irgendwo müssen die Entlassenen ja stehen.  Kämpft mit den Tränen.
Hätt ich nie gedacht, daß ich so aus dem Leim gehe. Als der Henner mir das sagte. - Wir siezen uns
zwar, er ist der oberste Boß, Henner Sie, Heinrich Sie, aber was haben wir nicht alles zusammen
unternommen! - Als er es mir sagte, zur Tür hat er mich begleitet. Die Hand auf die Schulter gelegt.
Grüße an zu Hause. So nett. Sie auch, sage ich. Und kaum war ich draußen, hat es mich nur so
geschüttelt, geschluchzt habe ich, aber so was von geschluchzt, ich seh mich wie heut, was sind das
jetzt, vier, fünf Monate vielleicht? Ich steh in der Tiefgarage neben meinem Auto und hämmer den
Kopf gegen einen Betonpfeiler. Auch jetzt, wenn ich dran denke, die Tränen... An was soll ich sonst
denken ... Da. Sehen Sie. Schon gehts wieder los.
Woher hat der Mensch die vielen Tränen? Ich kann in keine Tiefgarage mehr. Lacht. Ist nicht so
schlimm, mein Auto ist eh weg. Meine Mutter konnte nicht weinen, hatte chronisch verstopfte
Tränengänge.
Und dann ging das mit Lichtgeschwindigkeit. Das Auto. Das Haus. Das Apartment in Savognin. Und
die Frau, weg, mit allen Kindern, wunderbare Kinder, Sabine und, ja, der andre, der Bub, mir aus
dem Gesicht, ... Pascal!, genau, Pascal: weg ist sie mit beiden. Wohnt jetzt im Seefeld. Sagt, ich sei
ein Ungeheuer. Ein sentimentales Ungeheuer. Ein Versager. Ich schlafe nicht mehr. Ich bin todmüde
und liege da und kann nicht einschlafen. Ich höre auf die Geräusche im Haus, ob meine Frau, ob sie
die Koffer packt, dabei hat sie die Koffer vor Wochen schon gepackt. Kein Mensch im Haus,
totenstill. Wie soll ich da schlafen. Ich erwürg die noch, alle drei. Ich bringe mich um. Seil, Strick, in
die Limmat, das ist gar nicht so einfach, sich umzubringen. Ein Hotelzimmer nehmen, oberster
Stock, da hinunterzu... Ich bring mich um, das ist eins, was sicher ist.
Greift sich in einem jähen Schmerz in den Nacken
Ich. Au. Da. Mein Nacken. Hält ihn schief. Seit ich entlassen bin, bin ich muskulär so ... Sehen Sie.
Au. Hier auch. Das ist ein Hexenschuß. Ein beginnender Hexenschuß. Der schießt einem ganz
unvermutet ins Kreuz. Den spüre ich stundenlang vorher kommen, wie eine Ahnung, eine absolut
sichere Ahnung. Jetzt. Da. Auu. Ich habe Ausschläge seither, Allergien, überall juckt es mich,
unerträglich, an den Beinen, im Rücken, im After, Hämorrhoiden, da werden Sie wahnsinnig.
räuspert sich hysterisch
Chch. Chch. Immer setzt sich da was fest. Chch. Da hinten. Chchchchchch. Brösel, ein Krümel
genügt.  Da! Das Augenlid! Es zuckt immer. Sehen Sie!
Was ich zu mir selber sagen würde , wenn ich mein Ihr Chef wäre und mich entlassen müßte? Ich?
Zu mir? Also das ist ja eine seltsame Sache, sich selber.
Also, Herr Krause würde ich sagen. Ich bin gezwungen, Sie zu entlassen. Sie haben ja zwar ganz
ausgezeichnet, wirklich erstklassig, aber ich bin gezwungen, es tut mir außerordentlich leid, just den
besten Mitarbeiter eigentlich ...
Er kämpft mit den Tränen, wie vorher.
Keine Tränen jetzt, Herr Krause. Heinrich. Sie sind eine Heulsuse, das sage ich Ihnen jetzt ganz
offen von Mann zu Mann, ein weinerlicher Waschlappen sind Sie. Ich kann Sie nicht ausstehen,
Heinrich. Krause. Wie Sie dastehen mit Ihrem saublöden Babyface, tun so, als seien Sie ein Adler,
Krause, dabei ist Ihre Nase ein einsames Erbstück von Ihrem Vater. Der war ein Adler, dem können
Sie nie das Wasser reichen. Sie sind ein Kuckuck allenfalls, eine Ente sind Sie, ein Sittich. Ein
Workaholic der dritten Art. Pathologisch. Haben Sie eigentlich keine Frau? Wissen Sie denn nicht,
was eine Frau will am Wochenende? Fun will die am Wochenende, ein kameradschaftliches
Shopping am Samstagnachmittag, Mann, Krause, dann ein Dinner irgendwo mit einem guten Glas
Roten, und dann heim und vielleicht daheim noch einen Schlummerwhiskey, ist Wochenende!, und
dann Sex, Krause, Mann, eine Frau will Sex am Samstag! Jede Frau will das, jede! Auch eine, die so
gut aussieht wie Ihre, Krause. Sie hätten ja auch eine häßlichere heiraten können. Jetzt haben Sie die,
und die will Sex am Samstag, und zwar etwas mehr als Beine in die Luft und zweimal rein und raus.
Da müssen Sie auch mal Ihre Phantasie ins Spiel bringen.
Sie sind entlassen Krause!